KW 43 – Der etwas andere beste Freund des Menschen
Ich mag Mehlschwalben, wirklich. Sie sind niedlich und bringen den Sommer, sie malen am Abendhimmel mit ihren Flugkünsten herrliche Gemeinschaftskunstwerke in die Luft, und der Klang ihres Namens ist mindestens so weich wie ihr Flug. Kürzlich sind sie zum Vogel des Jahres gewählt worden. Schön.
Doch zur Auswahl stand auch der Kolkrabe. Und gegen den wirken sie irgendwie...nicht satisfaktionsfähig. Vogelpokal hin oder her, ich habe mich nun gefragt, warum Raben in mir eigentlich so starke Gefühle auslösen. Und ich glaube, ich habe die Antwort gefunden.
Natürlich sind Raben zunächst einmal körperlich beeindruckend. Der ornithologische Laie glaubt einem ja nie so recht, dass man sie tatsächlich von Krähen unterscheiden kann, aber wer beide schon nebeneinander gesehen hat, erkennt nicht nur den eindrucksvollen Größenunterschied an. Nein, Raben sind insgesamt anders konfiguriert: Der hohe Schnabelfirst, die beim Rufen sich majestätisch plusternde Löwenmähne, der Keilschwanz als Hoheitszeichen am Himmel tragen dazu bei. Raben meistern aufgrund ihrer großen Flügeloberfläche den Gleitflug, Rabenkrähen nicht (Saatkrähen schon!).
Vor allem aber treten sie immer und immer wieder als Motiv in den Erzählungen der Menschen auf. Warum? Da ist einerseits ihre sprichwörtliche Klugheit, oder besser: Intelligenz. Und zwar nicht nur die „herkömmliche“, sondern auch emotionale. Sie nutzen Sprache – viele hundert verschiedene Rufe sind dokumentiert, einigen konnten Bedeutungen zugeschrieben werden. So ist beobachtet worden, dass ein Rabenmännchen seine Partnerin mit einem spezifischen „Namen“ ansprach. Das ist also mehr als das bloßes Lautieren eines menschlichen Säuglings (das natürlich auch etwas bedeutet, aber anfangs eben nicht als Vokabel). Nicht umsonst geistern Raben als Odins Kundschafter „Erinnerung“ und „Gedanke“ durch die Mythen des Nordens. Sie haben ein irres Gedächtnis und entwickeln komplexe Strategien zum Nahrungserwerb. In Maine ist beobachtet worden, dass unerfahrene, junge Raben sich gegenseitig zu Tierkadavern rufen. Obwohl man teilen muss, erhöht das die Chancen aufs Überleben für alle. Sind sie erfahrener und sicherer im Auffinden von Futterquellen geworden, teilen sie einen Fund nicht mehr mit. Nun wird in die eigene Fitness und die der Nachkommen investiert, die Peer-Group löst sich auf.
Ihre ökologische Nische, das Fressen von Aas, hat sie in die Nähe des Menschen gebracht. Als einige Arten der Gattung Homo vor einigen hunderttausend Jahren begannen, sich auf fleischliche Nahrung zu spezialisieren, waren Raben ganz vorne mit dabei, und genauso wie sie noch heute Wolfsrudel begleiten, sind sie wahrscheinlich auch den ersten Menschen hinterhergestreift. Wenn Homo sapiens dann einmal mehr meinte, sich gegenseitig den Schädel einschlagen zu müssen, waren sie als „Schlachtenvögel“ nie weit entfernt. Wir schmecken offensichtlich nicht schlechter als Elche.
Aber für mich ist eines das Wesentliche. Wer jemals in einem stummen, verschneiten Winterwald das tiefe „korrp, korrp“ gehört hat, mit einem Klang wie ein brechender, morscher Baumstamm; wer jemals ein neugieriges Rabenpärchen über die Baumkronen gleiten sehen hat, den forschenden Blick zum Wanderer gewandt – der weiß: Da ist nicht einfach irgendein Vogel. Da ist jemand.