KW 42 – Der Fitis und der Falke
„Es ist doch wirklich verrückt, dass dieser kleine Fitis von hier bis in den Kongo fliegt und im nächsten Frühling wieder aus demselben Busch in Nordfriesland singt wie im Jahr zuvor.“ Ich habe Jans Worte noch gut im Ohr. Das war bei einer Beringungsaktion. In der Hand hatte er gerade so ein kaum 10 Gramm wiegendes Fitis-Federbällchen. Und wenn dessen Augen voll Schrecken waren, waren unsere voll Staunen und Respekt. Hat der Fitis in diesem Moment vielleicht nicht so empfunden - aber dennoch: Chapeau, kleiner Kerl!
Wenn ich im April das erste Fitisgesäusel höre, frage ich mich seither immer, ob es wohl wirklich derselbe Vogel ist. Oder ist der Barde vom letzten Jahr auf endlosen Irrfahrten übers Mittelmeer verloren gegangen? Und es sitzt bereits ein Nachfolger im leerstehenden Revier? Odysseus lässt grüßen...
Auf den Inseln des Mittelmeeres haust, von den Balearen im Westen bis weit im östlichen Marmarameer, ein Falke. Es ist der Eleonorenfalke. Sein Frühling beginnt erst im Spätsommer oder sogar Frühherbst. Denn die Aufzucht der Brut fällt genau dann am leichtesten, wenn das Nahrungsangebot am größten ist. Warum also im Mai brüten, wenn im September Millionen leckere Singvögel ihren Weg genau an den riesigen Kolonien der Eleonorenfalken vorbei nehmen müssen – wie Odysseus zwischen den mythischen Monstern Scylla und Charybdis? Armer Fitis!
Natürlich ist der Falke nicht wirklich ein Monster, sondern ein Tier, das leben will (die Bestien aus der Odyssee werden mir übrigens gleich viel sympathischer, wenn ich sie auch mal auf diese Weise betrachte..). Ich habe zwar mal gehört, dass Eleonorenfalken bisweilen lebendige, flugunfähige Beute in Felsspalten aufbewahren, kann das aber aus dem Kopf nicht mehr belegen (falls jemand die Quelle hat, bitte melden!). Bisher kenne ich diese Falkenart nur aus Büchern. Aber Jan hat sie kürzlich an den Steilküsten Mallorcas beobachten und fotografieren können.
Ist es nicht seltsam, wie gut selbst ein statisches Bild den Eindruck von Dynamik vermitteln kann? Diese ultraeleganten Vögel erwecken in mir den Eindruck von Hochleistungsathleten, die in maßgeschneiderten Designeranzügen die olympischen Spiele bestreiten, und im Gegensatz zu den Fitissen dieser Welt wünsche ich mir sehr, ihnen eines Tages persönlich zu begegnen. Benannt sind sie übrigens nach Eleonore von Arborea, die, vielleicht in ähnlicher Faszination begriffen, bereits im 14. Jahrhundert Gesetze zum Schutz der Greifvögel erließ.
Leider muss man sich auch beim Falken auf dem Foto fragen, ob er im nächsten Jahr wieder von den Felsen über der wilden Brandung ruft. Fast die gesamte Population überwintert in Madagaskar. Durchaus möglich also, dass er in einem der kilometertief gestaffelten Stellnetze entlang der nordafrikanischen Küste endet. Und vielleicht zappelt dann – direkt neben ihm – ein Fitis.