KW 41 - Lamento

Noch ein letztes Mal zirpt das Sommergoldhähnchen sein schwellendes Cresescendo in die Stille des Raums. Dann brechen 500 Menschen in frenetischen Jubel aus.

Das kam auch für mich etwas unerwartet. Nicht der Jubel, wohlgemerkt, der ist am Ende eines außergewöhnlich guten Konzertes ja sicher - sondern das Sommergoldhähnchen! Ich muss fairerweise zugeben, dass es hier keine One-Bird-Show geliefert hatte, sondern bei der Schweizer Band Black Sea Dahu gewissermaßen unter featuring mit am Start war (übrigens auch nicht im Hamburger Jazzclub Birdland, sondern im Knust). Und ich bin mir nicht einmal so ganz sicher, ob die Band überhaupt wusste, wer da in der ein- und ausleitenden Aufnahme von Waldgeräuschen sein kleines Lied zum Besten gab.

Wenn man einmal die Augen und die Ohren aufsperrt, findet man in der gesamten Kunst der Menschheit schier unendliche Naturreferenzen. Nehmen wir nur die Vögel: Das reicht von den alten Abbildungen aus dem Paläolithikum, (z.B. einem Riesenalk in der El-Pendo-Höhle, wahrscheinlich etwa 20.000 v. Chr.) über die herrlichen und unglaublich detailgetreuen Gartenszenen aus dem alten Ägypten (z.B. das Grab des Chnemhotep um 1900 v. Chr., u.a. mit Wiedehopf, Maskenwürger, Neuntöter, Krickente...) bis hin zu einer pulsierenden Großstadt im Jahr 2026 – also noch einmal viertausend Jahre später - in der der digital aufgezeichnete Gesang eines Sommergoldhähnchens ein Konzertpublikum begeistert.

Diese Referenzen dien(t)en ganz unterschiedlichen Zwecken: Manchmal nur ästhetischen, sehr häufig symbolischen, nicht selten magischen. Gestern erzählte die Sängerin sehr eindringlich von ihrer Trauer um den verstorbenen Vater. Von langen, einsamen Waldspaziergängen im Gebirge. Davon, wie sie in einem überwucherten Bergsturz, inmitten von Moosen, Farnen, aufsprießenden Bäumen, schließlich nicht nur einen Fels in Form eines Komodo-Warans (was für ein herrlicher Wächter zum Totenreich!), sondern auch den Mut zum Selber-Weiterleben fand.  Aus dieser Zeit stammen die Aufnahmen der Waldvögel, die die Band teilen wollte. Und so fand das Sommergoldhähnchen seinen Weg in den Hamburger Musikclub.

Wahrscheinlich hat niemand anders den Gesang erkannt. Aber darum geht es auch nicht. Denn wahrgenommen haben ihn alle. 500 Menschen in einem großen Raum waren still, als ein kleiner Vogel sang, weil sie nachvollziehen konnten, dass diese sehr kleine Stimme einer sehr großen Trauer Trost spenden konnte. "Hört auf die Vögel!" gab die Band dem Publikum mit auf den Weg. Ich werde daher nicht müde zu betonen, dass wir mehr verlieren, als „nur ein paar weitere Arten“, wenn unsere Umwelt immer ärmer und leerer wird. In Wirklichkeit verarmt auch nicht die Umwelt, sondern wir selbst: Denn wir verlieren unsere Reflektionsfläche. Mit dem Verlust der Natur büßen wir Möglichkeiten und Fähigkeiten ein, mit komplexen Gefühlen wie Trauer umzugehen. Wenn kein Sommergoldhähnchen mehr singt und niemand sich mehr an Komodo-Warane erinnert, stehen wir alleine da auf weiter Flur. Vielleicht ist dann die Zeit gekommen für eine ganz eigene, in der Menschheitsgeschichte nie gekannte Art der Trauer. Aber wie wäre diese dann zu bewältigen?

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KW 40 – Bummelzug nach Lübeck