KW 40 – Bummelzug nach Lübeck

Wenn in der Lübecker Innenstadt der Ruf der Tannenmeise klingt, dann ist...pardon - etwas verkehrt? Mitnichten! Eigentlich ist das ja einer der klassischen Waldvögel. Klar, es gibt immer wieder einmal Beobachtungen auch an anderen Orten. Das bleibt bei einem grundsätzlich häufigen Vogel nicht aus. Aber den säuselnden Singsang - viel weicher als die schärferen Rufe der Kohlmeise! - und das koboldafte Gefiedel der Kontaktlaute, so spitz wie Fichtennadeln, kenne ich eigentlich nur aus Wäldern mit reichem Koniferenbestand.

Nun erzählt mir Jan, dass er eine seiner wohl schönsten Beobachtungen dieser Art hatte. Und zwar ganz nahe, direkt vor der Nase auf seinem Balkon. Gleich vier der possierlichen Kerlchen hatten sich dort gestern ein minutenweises Stelldichein gegeben. Aber was treiben sie dort, wo das Nadelbaumhabitat sich zwischen kopfsteinbepflasterten Gässchen, altehrwürdigen Patrizierhäuschen und schnieken Cafés auf eine mickernde Thuja beschränkt?

Die Antwort: Reisen! Denn es ist Zugzeit. Und wenn die von mir letzte Woche so bewunderten Kraniche der PS-strotzende D-Zug auf dem Schnellgleis hoch über der Stadt sind, dann trifft der tatsächlich existierende ornitholgische Begriff des Schleichzuges für das langsame Bummeln gen Süd vieler Kleinvögel ganz besonders gut zu. Ich hatte letzte Woche ja davon erzählt, wie ich mich häufig wundere, dass selbst große Vogelformationen am offenen Himmel kaum Aufmerksamkeit finden. Bei der heimlichen, oft nächtlichen Durchreise von Rotkehlchen, Zaunkönig und eben Tannenmeise muss man schon ziemlich genau hinsehen bzw. hinhören. Und wenn mich auch die Vorstellung von riesigen Formationen V-förmig am lichtblauen Himmel ziehender Rotkehlchen auf eine etwas überdrehte Art begeistert, ist daran eben doch etwas nicht so ganz stimmig. Es stehen also einmal mehr den großen, spektakulären Eindrücken die etwas unscheinbareren, aber nicht minder kostbaren Kleinode gegenüber. Vierhundert Kraniche sind toll, aber vier Tannenmeisen sind es auch. Ein Nationalpark ist super, aber schon der Blick aus dem Fenster kann etwas bieten. Vielleicht ist das ein Gedanke, den wir mit in die dunklere Jahreszeit nehmen können.

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KW 39 - Vom Suchen und Finden