KW 39 - Vom Suchen und Finden
Jetzt sind sie da! Seit ein paar Tagen ziehen Kraniche über Hamburg. Gesehen habe ich bisher erst einen kleinen Trupp von fünfen, aber ich höre viel mehr. Die unverkennbaren, lauten Rufe kann man nämlich selbst in geschlossenen Gebäuden gut wahrnehmen. Erlaubt es die Situation, renne ich hinaus, versuche sie am Himmel zu finden und der Keilformation mit langen Blicken nach Südwest zu folgen. Wenn ich ausreichend gestarrt habe und mich wieder in Bewegung setze, werde ich nicht selten von den Menschen auf der Straße etwas misstrauisch beäugt. Was in Gottes Namen sieht der Mann da oben? – Und einmal mehr nimmt es mich Wunder, dass kaum jemand ein so offensichtliches Naturphänomen wahrnimmt. In diesem Zusammenhang muss ich daran denken, wie ich als Kind einmal auf einer Düne an der dänischen Westküste stand und wie gebannt aufs Meer blickte. Dort tummelte sich nämlich, nicht weit vom Strand, eine Schule Schweinswale. Hunderte Strandspaziergänger, mit dem Bernsteinblick am Boden, bemerkten sie nicht.
Ich will aber gar nicht vom hohen Ross (bzw. der hohen Düne) sprechen. Einen Bernstein habe ich an diesem Tag nämlich nicht gefunden. Aufmerksamkeitsressourcen sind leider begrenzt. Und ich muss mir eingestehen, dass ich selbst an vielen Dingen achtlos vorbeiwandere. Ich will gar nicht wissen, wie viele botanische Besondersheiten ich schon am Wegrand liegen lassen habe, schlichtweg durch Unkenntnis. Es ist eine Binsenweisheit, aber es ist etwas dran: Man findet vor allem das, was man sucht. Wer mit Kranichen und Schweinswalen und Dänischem Löffelkraut nicht rechnet, wird sie nicht bemerken.
Die erste Lehre ist also: Augen und Ohren auf! Soweit es eben geht – runter mit den Scheuklappen. Offen sein für die Welt. Vom Seeadler irgendwo ganz hoch als Pünktchen am Himmel bis zur Weidenbienenkolonie am Boden des Fahrradstellplatzes. Die zweite könnte sein: Weisen wir uns doch gegenseitig darauf hin! Wenn ich jemandem die Kraniche zeige, habe ich noch nie erlebt, dass er oder sie sich unberührt zeigte (für Kinder gilt diese Faszinationsbereitschaft in besonderem Maße!) Und wer weiß? Wenn ich das nächste Mal gedankenverloren aufs Meer starre, schenkt mir ja vielleicht jemand einen Bernstein...