KW 38 - Innehalten

Es ist halbsechs Uhr morgens, ich liege wach. Die Gedanken für den Tag haben mich längst fest im Griff. Ich versuche zu sortieren, was wirr durch meinen Kopf spukt; eine chaotische Liste aus To Do’s für die Arbeit und für’s Private. Nachrichten, die zu beantworten, Aufgaben, die zu erledigen, längst versäumte Termine, die nachzuholen, Erwartungen, die zu erfüllen und Deadlines, die einzuhalten sind. Mit dösigem Hirn will das aber überhaupt nicht gelingen. Und im Halbdämmer wirft so manches einen Schatten, der es viel größer macht, als es eigentlich ist. Als ich zwei Stunden später aufs Fahrrad steige, bin ich eigentlich schon jenseits meiner ganz persönlichen Deadline. Und zwar auf der falschen Seite.

Bei der Arbeit: Funktionsmodus. Nichts vergessen. Freundlich und offen bleiben, nichts anmerken lassen. Gott, es strengt mich so an, aber was hilft es? Als ich alle Patienten gesehen habe, drücke ich mir schnell ein Brot rein. Eigentlich merke ich gar nicht, dass ich esse, denn gedanklich bin ich halb bei der Fehlermeldung am Computer und halb bei der Falschsendung, die ich heute Abend zurück zur Post bringen muss, außerdem klingelt das Telefon, und mit irgendeiner weiteren Kapazität schreibe ich schon die Liste mit den Patientinnen, die ich für morgen vorzubereiten habe. Wann kriege ich heute Abend noch meine Telefonate unter? Mein Blick schweift ab, gleitet über den Sichtschutz der Ambulanzfenster, da hüpft ein Eichhörnchen. Es tut, was Eichhörnchen um diese Jahreszeit tun. Es sammelt eifrig die Haselnüsse vom Spielplatz auf. Eine Amsel hüpft herum, sie tut, was eine Amsel um diese Jahreszeit tut, sie wühlt im Laub. Dazu gibt es Musik; mein Dreijähriger Patient von vorhin tut, was Dreijährige tun, er singt zu einer bekannten Melodie lauthals und in sämtlichen Tonlagen, die es gibt, das Lied von der Schaukel, zieht in den Atemholpausen fröhlich seine Rotze hoch und singt noch lauter weiter. Und da halte ich inne.

Könnte ich das von mir eigentlich auch sagen? „...tut, was ein Mensch eben tut..“? Hängt vom Menschenbild ab, das man pflegt... Das Eichhörnchen ist eifrig, die Amsel etwas verhuscht, der Dreijährige, nun ja, ungerichtet begeistert. Vielleicht ist das für die drei manchmal auch alles ein bisschen anstrengend. Aber: Sie sind bei der Sache. Natürlich kann ich das nicht beweisen. Vielleicht ist das Eichhörnchen in Gedanken beim nervigen Reviernachbarn oder begrübelt, dass die Zweige für den Kobel wirklich jedes Jahr schlechter werden, vielleicht ist die Amsel gedanklich längst auf dem stressigen Zug nach Süden, vielleicht hat der kleine Junge Angst vor der nächsten Spritze. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind sie einfach da, wo sie gerade sind. Nüsse, Laub, Schaukel. That’s it. Wo bin ich gerade?

Für die allermeisten Vögel ist die Brutsaison beendet. Auf Trischen habe ich damals um diese Jahreszeit beobachtet, wie sich alles ein bisschen auflöste, als die Küken flügge waren und nicht mehr die ständige Aufmerksamkeit der Eltern forderten. Für den Wegzug war auch noch nicht die Zeit gekommen. Und so lungerte man, vor allem in den frühen Abendstunden, eben ein wenig herum. Gemächlich den Strand entlangtapern. Herumstehen. Gucken. Mal einen Flug machen, um zu schauen, ob’s auf den Sandbänken nebenan was Leckeres gibt. Oder auch nicht: Sich erinnern, dass man eine Möwe ist und auch mal ziel- und zwecklos herumfliegen darf. Einfach, weil einem das gegeben ist als Kreatur. Einfach eine Möwe sein.

Wo sind diese Stunden für uns Menschen? Ich will nicht romantisieren. Ein Möwenleben hat sicherlich seine stressigen Phasen und ist bestimmt oft sehr anstrengend. Aber ich bekomme vor lauter Sachen erledigen und Dinge tun zunehmend das Gefühl, dass da etwas entkernt wird. Ich versuche, mich zu erinnern: Was bedeutet es, einfach ein Mensch zu sein? Vielleicht muss ich demnächst mal den Dreijährigen fragen.

Weiter
Weiter

KW 37 - Am Tetenbüllspieker