Der Sturm tost ohrenbetäubend. Über der wütenden See saust, mit der Leichtigkeit eines spielenden Kindes, eine Eiderente. Und ich denke an Mehlwürmer.
Die Elemente können einem ja schon seltsame Ideen eingeben. Wer jemals einen Sonnenstich hatte oder eine Minute im Eiswasser ausgeharrt hat, weiß das. Und was für Hitze und Kälte gilt, gilt auch für den Sturm: Das Denken wird von den Böen hin- und hergeworfen wie die Schalen der Sandklaffmuscheln in der Brandung. Unser Kopf ist nicht windsicher. Aber Mehlwürmer? Wo kommen die plötzlich her?
Im Biounterricht wurde uns in der neunten Klasse die Temperaturorgel vorgestellt. Das ist eine hohle Metallschiene, deren eines Ende in ein Eisbad getaucht und das andere erhitzt wird. Dann werden Mehlwürmer über die Länge der Schiene verteilt. Und siehe: Die Mehlwürmer krabbeln dahin, wo es ihnen am besten gefällt: Etwa in die Mitte, wo das Metall um die zwanzig Grad warm ist. Natürlich gibt es auch unter Mehlwürmern manche, die’s heiß mögen, und ein paar kühlere Gemüter. Aber im Großen und Ganzen demonstriert das Experiment deutlich, dass es für diese Insektenart ein Temperaturoptimum gibt.
Und jetzt stehe ich mit meinen Gedanken vor den brechenden Wogen. Ich denke: Fünfzig Schritte weiter, und innerhalb von zwei bis drei Minuten wärst du mausetot. Über mir würde der Horizont über den Gewalten ganz still denselben wunderschönen Farbverlauf zeigen wie auf Jans Bild, und die Eiderente flöge weiter, ohne Notiz von mir zu nehmen. Denn da, wo ich nicht leben kann, ist sie in ihrem Element. Und ich liebe es, ihr dabei zuzusehen.
Es gibt Kameraufnahmen vom Rücken vagabundierender Albatrosse, die um Kap Hoorn Orcas folgen, und die noch viel, viel wildere See zeigen. Man erkennt kaum etwas im trüben Bleigrau, aber mich fasziniert dieser Blick in eine – für mich – derart lebensfeindliche Umgebung. Das gilt auch für den Wüstenkäfer, der nie in seinem Leben eine Wasserquelle sieht, sondern vom Tau auf seinen Beinen lebt. Das gilt für den Marianenscheibenbauch, der in 8000 Meter Meerestiefe, das Blut gewappnet mit Kälteschutzproteinen, in ewiger Finsternis seinen stinknormalen Tiefseefischalltagstrott lebt, und es gilt für die Streifengans, die in 10.000 Meter über Normalnull, mit bestem Höhenblick auf die an ihren Sauertsoffgeräten keuchenden Everest-Besteigerinnen, Richtung Industal braust - Extremophile, die ich bewundere (ich sollte noch die Kollegin hinzufügen, die es schafft morgens auch ohne Kaffee schon die ersten Punktionen zu machen..).
Und damit lehrt der Blick auf den Vogel im Sturm doch eines: Alle Lebewesen sind unterschiedlich gemacht. Alle haben ihr Optimum, in dem gerade sie am besten funktionieren und, vor allem, sich wohlfühlen. Gilt das nicht auch für uns Menschen? Umstände, in denen ich so richtig aufblühe, müssen dir noch lange nicht passen. Und vielleicht muss ich dich dann auch nicht zwingen, dein wildes Leben „im Sturm“ aufzugeben, weil ich nicht damit klarkäme, sondern darf dir mit Lust dabei zusehen, wie du es, mit der Leichtigkeit einer Eiderente über tosender See, bewältigst.