KW 36 – Gemüseauflauf und Krebssuppe
Wenn ich auf Nachtfalterpirsch bin, stelle ich manchmal den einen oder anderen Falter über Nacht in den Kühlschrank. Nein, es folgt jetzt kein Geheimrezept. Jedenfalls keines zum Essen – wohl aber zum Fotografieren! Insekten können schließlich ganz hervorragend ihren Stoffwechsel herunterfahren, wenn die Außentemperaturen sinken. Sie werden dann einfach ganz, ganz still. Am nächsten Tag gibt es ein Porträt, und dann ab die Post! Ich setze das Model ins Licht, die Flügel beginnen erst ganz langsam und dann immer schnell zu vibrieren, und wenn die Muskeln endlich ausreichend erwärmt sind, verschwindet mein kleiner Gast auf immer. Aber ab und zu lässt er, bzw. viel mehr sie, etwas da. Dann hat Frau Nachtfalter nämlich über Nacht Eier in das Sammelröhrchen gelegt. Und das heißt für mich: Ich habe Haustiere!
Dieses Jahr hat mir die Gemüseeule ihren Nachwuchs anvertraut. Zwanzig, dreißig quietschgrüne Eier hafteten morgens am Rand des Plastikröhrchens. Und nun knabbert mir ein Häufchen winziger ebenso grüner Räupchen die Haare vom Kopf. Sie wohnen momentan im für solche Zwecke bewährten Urinbecher aus der Klinik. In ein paar Wochen wird jede von ihnen fast kleinfingerlang sein. Noch aber messen sie kaum fünf Millimeter, und wenn ich ihnen etwas Neues zu Futtern gebe, muss ich aufpassen, dass ich mit den kahlen Blattgerippen keines der kleinen Wesen entferne.
Die Gemüseeule gilt als polyphag. Der Name sagt’s, den Raupen schmeckt also so ziemlich alles. Ich dachte also nicht, dass ich hier krüsche Connaisseure beherberge. Aber weit gefehlt..
Da ich für die erste Mahlzeit nicht viel Zeit habe, pflücke ich schnell die einzige Brennnessel, die in meinem Blumenkasten wächst. Den kleinen Kopftrieb setze ich mit ein wenig Wasser in eines von diesen Miniröhrchen, die eigentlich für das Auffangen von Blutserum bei Säuglingen dient. Umfunktioniert gibt das einen hübsche Winz-Vase, die vortrefflich im Urinbecher Platz findet. Und siehe: Am nächsten Morgen sind die Brennnesselblätter mit feinsten Fensterchen versehen. Am Boden des Bechers sieht man die Hinterlassenschaften der Raupen – es klappt!
Nächster Tag: Ich habe eingekauft und lege ein paar Brokkoliblätter hinzu. Wer nun ernsthaft glaubt, dass die Brennnesseln noch eines Blickes gewürdigt wurden, trifft eine gewaltige Fehlannahme! Ich habe dann weiter herumexperimentiert. Brokkoli schlägt Kopfsalat, schlägt Brennessel. Heute Nacht werden Basilikum und Minze ausprobiert. Kommen die Raupen wohl mit den ätherischen Ölen zurecht? Mögen sie diese vielleicht sogar gerne? Ich mag sie ja auch! Und manche Raupen nehmen schließlich sogar Giftstoffe über ihre Nahrungspflanzen auf und werden auf diese Weise ungenießbar für Fressfeinde.
Wir haben leider noch kein gutes Foto von den Gemüseeulen. Sie sind ja noch sehr, sehr klein. Aber Jan hat sehr schön einen ganz ähnlichen Falter erwischt – die Krebssuppe (oder Zackeneule)! In diesem Fall trägt das Tier seine Nahrung nicht natürlich im Namen. Hier hat der menschliche Volksmund dem Falter einfach das, was ihm schmeckt, auf die Flügel gelegt..