KW 35 – Spätsommerfest

Der Sommer kippt. Ja, noch steht an manchen Abenden die Hitze in den Straßen und ja, noch ist die Zeit der zirpenden Zikaden, der warmen Farben in Feld und Flur, und noch tragen wir Sonnenbrillen und haben die Pullover im Schrank. Aber etwas hat sich geändert. Ich merke es seit ein paar Tagen, wenn ich morgens zur Arbeit fahre. Die Luft ist um einen Hauch frischer und klarer. In ihr hallt das Gekrächz von Eichelhähern. Ich weiß übrigens gar nicht, ob das vagabundierende Jungspunde aus der Brut von diesem Jahr sind oder ein paar ältere Herrschaften, die schon beginnen, sich für den Winter den Wanst vollzuschlagen. Schließlich liegt der Weg vor meinem Haus bereits voller Haselnüsse. Aber mir ist vor ein paar Tagen klargeworden, dass das für mich der Wendepunkt des Sommers ist: Wenn ich morgens krächzende Eichelhäher höre, kommen bald die Wochen, an denen der Himmel höher steht, und der Tag ist nicht mehr fern, da ich die Rufe erster ziehender Kraniche hören werde. Ich finde es interessant, wie sich über die Jahre eines Lebens recht subtile Wahrnehmungen in ganz stille Erwartungshaltungen verwandeln. Früher müssen Menschen das noch viel intensiver gespürt haben.

Gestern ist mir im Spiegel aufgefallen, wie verdammt grau mein Bart geworden ist. Das geht schon länger so, und ich bin da eigentlich ganz content mit. Aber es erschien mir, vielleicht vor dem Hintergrund mehrerer fordernder Wochen, doch irgendwie ziemlich viel. Spätsommer auch im Spiegel? Zeit, ein paar Haselnüsse zu sammeln:

Was ich morgens zu dieser Zeit im Jahr nämlich auch bemerke, sind die kunstvollen Gewebe der Spinnen, die sie in fleißigen Nächten gewoben haben. In der (noch blühenden) Minze meiner Blumenkästen hängen sie als lange, perlenbehangene Schnüre. Die Künstlerin indes hat sich in ihr Blätterbett zurückgezogen. Auf den zarten Gebilden sammelt sich die Feuchtigkeit der Nacht in schillernden Tropfen. Jeder einzelne Tropfen spiegelt die ganze Welt – ist das nicht wunderschön? So etwas wäre mir früher kaum aufgefallen. Heute reicht eine solche Beobachtung manchmal, um einen mittelmäßigen Tag zu einem guten zu machen. Und da ist noch mehr. Ja, früher, in den jungen, wilden Orni-Jahren, brauchte es durchaus einen kanadischen Kronenwaldsänger, um mich so richtig aus dem Häuschen zu bringen. Heute gibt mir ein Eichelhäherruf am Morgen genau so viel. Und ja, der Bart ist grau. Aber darin spiegelt sich auch, dass ich nicht mehr jeden Fall in der Notaufnahme mit jemand dienstälterem rücksprechen muss und immer öfter selber derjenige bin, der gefragt wird. Und nein, ich bin sicherlich nicht mehr so sportlich wie früher. Dafür koche ich mindestens zehnmal so gut. Nein, ich sehe kaum noch „neue“ Vogelarten – aber dafür erschließt sich mir inzwischen eine unendliche Vielfalt des Lebens auf mikroskopischer Ebene, wenn ich mich in Mußestunden mit meinen Micro-Moths beschäftige, die kaum jemand erforscht.

Sehen die Tropfen an den Spinnweben nicht irgendwie aus wie eine Reihe kleiner Lampions an einem Festabend? In diesem Sinne: Feiern wir, was ist! Den, Spätsommer, den Herbst – des Jahres und des Lebens – mit gutem Essen, mit schönen, einfachen Beobachtungen, mit dem Wissen um die Tiefe des vermeintlich Gewöhnlichen und Unscheinbaren.

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