KW 34 – Der Sturmgott und das Vögelchen

Ich hab es gern, wenn Tiernamen richtige Namen sind und keine Beschreibungen. Ein Beispiel: Die „Schwarzdrossel“ benennt zwei Kardinaleigenschaften dieses Vogels, eben die Gefiederfarbe und die Familienzugehörigkeit, und ermöglicht damit eine sichere Identifikation. Im Wörtchen „Amsel“ aber klingt ein Lied – ihr Lied! Denn in dieser kurzen Zusammenstellung von Buchstaben rollt ein Klang, wie er auch ihrem leise vor sich hin orgelnden Gesang eigen ist. Das finde ich viel romantischer, und obgleich weniger präzise gefasst, doch eindrücklicher. Leider sind wir Deutschens sehr gut in deskriptiver Namensgebung. Ist „Curlew“ nicht viel schöner als „Großer Brachvogel“? Auch hier eine Lautmalerei, denn in seinem klagenden Ruf klingt ziemlich viel I und U an.

Ich finde auch „Large Nutmeg“ (also etwa „Große Muskatnuss“, ein Nachtfalter) viel schöner als „Feldflur-Grasbüscheleule“. Bei manchen Namen hält es sich die Waage: „Buchdruckereule“ gefällt mir fast so gut wie das großartige englische Äquivalent „Gothic“. Beides bezieht sich auf das tolle Muster des Schmetterlings. Ich glaube, das Prinzip ist klar geworden. Übrigens heiße auch ich lieber „Till“ als „Der mittelgroße braunhaarige Typ mit der Brille“.  

Bei einem Namen bin ich aber wirklich begeistert von der deutschen Sprache. Der ist nämlich reichlich bizarr. Es ist: Das Odinshühnchen! Bitte was? Wer wagt es, den mächtigen Sturm- und Kriegsgott der Germanen mit einem läppischen Hühnchen in Zusammenhang zu bringen? Der kleine, wunderhübsche Vogel hat wirklich so gar nichts Grobes. Das "Hühnchen" ist ein typische Spätsommerart aus der etwas wunderlichen Familie der Wassertreter, die selten, aber regelmäßig, auf Flachgewässern entlang der Küste auftritt, wenn der Abzug aus den hochnordischen Brutgebieten beginnt. Mit nadelfeinem Schnabel werden da winzige Insektchen wie mit ganz, ganz spitzen Fingern von der Wasseroberfläche gepickt, während man sich munter im Kreis dreht und das wohlsortierte Gefiedermuster präsentiert. Das ist ungefähr so weit vom einäugigen Totengott entfernt wie Alpha Centauri von meinem Balkon. Der Name verweist natürlich auf die Heimat jenseits des Polarkreises und die zarte Gestalt des Vogels gleichermaßen. Er schafft damit eine recht bizarre Kombination, die mir immer wieder Freude macht.

Und ich bin mir sicher: Die Hühnchen sind so hübsch anzusehen, da drückt auch Sturmgott Odin bzw. Wotan mal sein Auge zu. Dass Odin und Wotan zusammengehören, merkt man übrigens in ebenfalls überlieferten Namens-Zwischenformen wie „Woden“. Wenn man das, mit ein bisschen Hauch in der Stimme, englisch ausspricht, hört man auf einmal, dass der Name wirklich vom Wind kommt. Ein ähnliches Konzept wie bei der Amsel und ihrem Gesang also!

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KW 33 – Genussmomente