KW 33 – Genussmomente
Ich erinnere mich, wie ich auf den Fliesen meines Elternhauses am Boden sitze und gebannt durchs Fenster schaue. Es ist Sommer, es ist heiß. Draußen, auf der glühenden Terasse, sitzt unser Kater in seinem schwarzweißen Smoking, und mit dem Gestus eines austernschlürfenden Gourmets von Welt - wie soll ich sagen? – nimmt er eine frische Maus zu sich. Wie bei der Auster passiert das im Ganzen (man denke sich das Fell als Schale). Und wie bei der Auster knackt es. Und es bleiben Reste. Brr, wie eklig! Der Kater sieht aber ziemlich zufrieden aus. Was ich mich damals vor allem gefragt habe ist deshalb: Genießt er das eigentlich? Schmeckt ihm die Maus?
Manchmal kommt mir diese Frage wieder in den Sinn, zum Beispiel bei den Futterorgien der Seeschwalben am Eidersperrwerk. Jeder Anflug mit Beute wird von aufgeregtem Geschnatter begleitet. Und wie herrlich blitzen die silbrig-zappelnden Fischchen, wie reich ist das Sortiment! Ich sehe Heringe, Stinte, kleine Plattfische; besonders häufig werden, wie eine Pommesbeilage, Garnelen verfüttert. Und wieder die Frage: Wie ist das? Mag die Seeschwalbe einen Hering lieber als einen Stint? Ist das einfach nur ein instinkhaftes Schlingen? Oder ist nicht auch die Lust an Geschmack und Textur der Speise ein Grund, warum sie wieder und wieder ins Hafenbecken stößt, so wie wir zu Edeka gehen oder uns am Kiosk eine bunte Tüte holen? Kurzum: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Ernährung und Essen?
Wenn ich den Seeschwalben zusehe, kann ich nicht glauben, dass sie bei der Nahrungsaufnahme keine Lust empfinden, und auch nicht, dass es ihnen egal ist, was sie fressen. Und bei allem, was uns unterscheidet, ist das eine Eigenschaft, die mich jeder noch so kleinen Kreatur ein Stückchen näher rückt: Die Fähigkeit zum Genuss. Es ist eine Facette von Empfindsamkeit. Eines lebendigen Bewusstseins.
So, wieder ist es heiß. Ich habe Feierabend. Ein Glas Wasser in allen Ehren! Aber ich hole jetzt ein gefrostetes Glas aus dem Gefrierfach. Eiswürfel. Limettensaft. Ein Schlückchen Mezcal – toppen mit einem ordentlichen Schwung Grapefruitlimo: Fertig ist die Paloma!
Als ich aus der Küche zurück zum Glas komme (ich habe noch ein Limettenrad geschnitten), sehe ich, wie eine Wespe auf dem Rand gelandet ist und an meinem Drink saugt. Salud! Zusammen genießen ist am schönsten.