KW 32 – Insektenbelustigungen
Es gibt diese ganz großen Sehnsuchtsorte der Naturliebhaber: Yellowstone. Galapgos. Serengeti! Das hat Klang. „Balkonblumenkasten in Hamburg-Eppendorf“ nicht ganz so sehr. Und doch muss ich konstatieren: Anteilig ist dieser winzige, umtopfte Fleck Erde verantwortlich für einen sehr großen Teil meiner Naturerlebnisse. Natürlich wünsche ich mir trotzdem mehr Fläche. Einen eigenen Garten gestalten zu dürfen wäre ein Traum! Und mir gehen die Augen über, wenn ich im Sommer mit Jan den Garten eines Freundes besuche. „Naturnah“ ist nicht der richtige Ausdruck. Denn die lebendige Wiese, durch die sich kleine Pfade schlängeln, die summende Hochhauscity hölzerner Nistgelegenheiten für Solitärbienen, die Vogelhäuschen aus denen es munter tschilpt und die Fledermausschemen vor lauem Abendhimmel sind nicht natur-„nah“ sondern einfach Natur. Natur, in der auch ein Mensch lebt, aber der ist neben Feldsperling und Roesels Beißschrecke eben schlichtweg ein weiterer Bewohner dieses Ortes. Hm...Roesels Beißschrecke? Klingt nicht nach einer besonders sympathischen Mitbewohnerin. Ist aber eigentlich sehr apart mit ihrer hellgrün leuchtenden Zeichnung, und beißt nur in Gräser und in Pflanzenstängel, in die sie ihre Eier sicher verstaut. Der Freund mit dem kleinen Garten Eden hat sie neulich bei sich gefunden (Jan hat sie porträtiert), und ich freue mich darüber, wie er sich darüber freut.
Damit sind wir nicht die einzigen. Den Namen trägt der kleine Flip nämlich zu Ehren von August Johann Rösel von Rosenhof, der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts alles malte und zeichnete was ihm vor die Augen kam. Rösel war aber kein kleintierverliebter Eigenbrötler, sondern hatte ganz im Gegenteil ein kräftiges Mitteilungsbedürfnis. Und so war das Produkt seiner Bemühung die „Insecten-Belustigung“, ein Magazin, das regelmäßig erschien und sich neben Schmetterlingen, Fliegen und Fröschen (!) eben auch mit Heuschrecken auseinandersetzte. Im Frankfurter Kunstmuseum sind noch ein paar herrliche Originale zu bewundern. Ich finde die Vorstellung von einer noblen Gesellschaft aus gräflichen Amalia-Sophia-Elisabeths und freiherrlichen Carl-Friedrich-Christian-Fürchtegotts, die in ihren plissierten Kleidern und Livrees auf die neueste Ausgabe der „Insecten-Belustigung“ warten wie auf die neueste Garten-Rundschau oder Mickey-Maus irgendwie bezaubernd. Und das Schönste ist: Wenn man ein bisschen 18. Jahrhundert wagt (ich meine natürlich die Freiheit von Pestiziden, nicht die geometrischen Gärten von Versailles), dann kommen die Insektenbelustigungen auch heute noch freihaus zu einem – in Form von Roesels Beißschrecke.
Achso, apropos freihaus: Wer noch etwas zu lesen braucht für's Wochenende...bitte sehr: Band 1 der Insecten-Belustigung aus dem Jahr 1746 in der Digitalbibliothek der Uni Heidelberg