KW 31 - Käferkosmos

„Salzwiese“ erscheint auf den ersten Blick eigentlich ein Paradoxon zu sein. „Wiese“, das heißt frisches Grün, bunte Farben, quirliges Tier- und Pflanzenleben unter blauem Himmel. Ungefähr so jedenfalls lässt sich mein Assoziationskomplex um dieses Wort zusammenfassen. Das „Salz“ ist da ambivalenter. Zwar spricht man biblisch vom „Salz der Erde“ als etwas Wertvollem, im gleichen Buch wird zur Unfruchtbarmachung aber auch tüchtig der Boden versalzen um dem Feind zu schaden. Wie geht das mit der Wiese zusammen?

Wie immer in biologischen Zusammenhängen heißt das Zauberwort: Anpassung. Denn da, wo niemand sonst hinwill, ist Platz. Mit genügend Tricks lassen sich Sand-, Eis- und eben auch Salzwüsten besiedeln und in einen hochlebendigen Lebensraum verwandeln. Aber die grünen Flächen am Rande des Wattenmeeres geben ihre Geheimnisse nicht ohne Weiteres preis. Wer hier überleben will, kann kein prangender Pfau sein und auch keine üppig mit riesigen Blüten prangende Rose, und deshalb sieht die Salzwiese zunächst einmal vor allem aus wie ein etwas belangloses Stückchen ungemähtes Grünland zwischen Landsockel und Watt.

Am besten erschließt sich der Zauber dieser geheimnisvollen Welt mit einer kundigen Führerin, zum Beispiel von den Nationalparkrangern oder der Schutzstation Wattenmeer. Und ich wette, dass wer immer schonmal an einer Salzwiesenführung teilgenommen hat, von ihm gehört hat: Er ist der entomologische Popstar dieses Lebensraumes. Was für die Savanne der Löwe, für die Wüste das Kamel, das ist für die Salzwiese der, aufgepasst - Halligfliederspitzmausrüsselkäfer!

Jan ist gerade im Rahmen eines Filmprojekts auf der Suche nach diesem winzigen Tierchen, das auf genau eine Pflanze spezialisiert ist, eben den Halligflieder, und deshalb in keinem Eichenmischwald und erst recht in keiner Betonwüste zu finden sein wird, sondern eben nur in den Salzwiesen unserer Küsten. Vielleicht wird die Besonderheit solcher stark begrenzten Populationen von Lebewesen plastischer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ja auch wir nur in einem sehr, sehr kleinen Teil des bekannten Kosmos existieren können.

Ich habe den Käfer übrigens bisher nicht persönlich kennengelernt. Er ist ziemlich klein, schwer zu finden und verdankt seinen Ikonenstatus sicherlich eher dem lustigen Namen (nur getoppt von der Halligfliederspitzmausrüsselkäferschlupfwespenlarve, die diese Art parasitiert) als einer herausragenden anderen Eigenschaft. Aber Jans Safari war erfolgreich. Und so durfte ich lernen, dass der kleine Kerl auf seinem Panzer ganz zart die Blütenfarben seiner Futterpflanze widerspiegelt. Ich wusste nicht, dass er so hübsch ist. Ist es zu kitschig, wenn ich denke, dass es auch uns gut anstünde, ein wenig mehr von unserem begrenzten, besonderen Lebensraum widerzuspiegeln, im Sinne eines sichtbaren Sich-Berühren-Lassens?

Und so bin ich schon wieder vom Hundertsten ins Tausendste geraten. Von einem winzigen, unscheinbaren Salzwiesentierchen zu unserem Verhältnis zu unserem Lebensraum, der Erde. Wenn der Käfer das wüsste!

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