KW 30 - Codes

Ich habe keine Ahnung, was eine Schaltstangenbuchse ist. Mein Freund Alex weiß das aber sehr gut. Der schraubt nämlich Oldtimer, und wenn er jemanden dieses Wort im Munde führen hört, weiß er, dass er ihn oder sie ohne weiteres mit großer Wahrscheinlichkeit in ein Gespräch über den Mercedes 300 SL oder den Renault R4 verwickeln kann. Und wenn ich auch nicht so ganz genau weiß, was die Schaltstangenbuchse im Auto macht, weiß ich doch sehr wohl, welche Funktion sie in der Sprache hat: Sie ist ein Code. Ihn zu kennen, weist jemanden als Autoschrauber aus.

Ich kann mir gut vorstellen, wie man, wenn man mit dem Schrauben beginnt, dieses Wort neu lernt, vielleicht von einem erfahrenen Mentor, und es immer selbstverständlicher nutzt, bis es einem völlig natürlich erscheint, darüber Bescheid zu wissen. Dasselbe Phänomen gibt es aber natürlich auch woanders.

Jeden Spätsommer beginnt an der Westküste Schleswig-Holsteins ein neuer Schwung junger Leute ihr Freiwilliges ökologisches Jahr oder ihren Bundesfreiwilligendienst. Viele von ihnen werden mit Ornithologie zu tun bekommen, und witzigerweise trifft der Orni-Nachwuchs ungefähr zeitgleich mit dem ersten Watvogel-Nachwuchs aus arktischen Gefilden ein. Der ist dann schon wieder auf dem Weg gen Süden und bevölkert in großer Zahl und vielerlei Arten die Ästuare. Die armen Novizen der Vogelkunde treibt das regelmäßig zur Verzweiflung. Denn die jungen Limikolen tragen ein Federkleid, so bunt wie ein großer Kasten Faber-Castell-Buntstifte voller...nun ja, Brauntöne. Hellbraun, Dunkelbraun, Holzbraun, Haselnussbraun, Graubraun, Braungrau, Rostbraun, Kastanienbraun, Erdfarben...Und, ab von den Farben, den feinen Unterschied zwischen der Schnabelbiegung eines Alpenstrandläufers und der eines Sumpfläufers auszumachen, oder die unterschiedliche Rhythmik ihres Pickens wahrzunehmen, dazu gehört schon wirklich Übung.

Und doch weiß ich, dass sie alle in den nächsten Wochen zwei Vogelarten unterscheiden lernen, von deren Existenz die wenigsten vorher gewusst haben: Rotschenkel und Dunkler Wasserläufer. Die beiden Arten sehen sich um diese Jahreszeit ziemlich ähnlich. Einige Merkmale unterscheiden sich zwar deutlich. So hat der Rotschenkel beispielsweise einen breiten weißen Flügelhinterrand. Aber ich weiß aus Erfahrung – Jan und ich sind als Zivis 2006 und 2007 durch dieselbe Schule gegangen - dass man darauf anfangs meist nicht so achtet. Der geübte Beobachter identifiziert meist ohnehin anhand des „Habitus“, also des Gesamteindrucks. Der Dunkle Wasserläufer wirkt in Form und Farbe viel eleganter, seine Beine sind graziler, der Schnabel länger und spitzer; auch tendiert das Federkleid eher ins Hellgrau, wie ein feiner Sommerleinenanzug. Wenn man sich ein bisschen eingesehen hat, wirkt der Rotschenkel dagegen regelrecht rustikal.

Ich weiß aber auch: Es dauert nur ein paar Wochen, dann werden die Freiwilligen das Wörtchen „DuWa“ (für Dunkler Wasserläufer) so sicher nutzen wie mein Freund Alex seine Schaltstangenbuchse (vielleicht „Schalstabu?“). Das Schönste ist aber, dass sie noch zwanzig Jahre später jemanden an diesem speziellen „Ruf“ erkennen können: Wer „DuWa“ sagt, der ist, wie man selbst: Ornithologe! Viel Spaß beim Fachsimpeln!

Preisfrage: Welchen Vogel zeigt Jans Bild?

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KW 29 – 112-Entomologie-Konsil!