KW 29 – 112-Entomologie-Konsil!

Mein Konsiltelefon klingelt. Ich gehe grummelig ran, wie immer ist ohnehin schon viel zu viel zu tun. „Till, ich hab‘ ein Geschenk für dich!“ Smilla ist am Apparat. Die Kollegin aus der Pflege betreut heute die Notaufnahme. Hm! Was mag das sein? Ehrlich gesagt rechne ich mit einer eher unangenehmen Überraschung. Rezeptnachforderung, Beschwerden, im besten Fall vielleicht mein verlorener Reflexhammer. Aber weit gefehlt!

Smilla hat nämlich tote Insekten aufgelesen, die sie in und um die Notaufnahme herum gefunden hat. Der Morgen nimmt also doch eine interessante Wendung! Ich bin schon öfter mal für ein „Zoologie-Konsil“ konsultiert worden (gegen die Scheibe geflogener Mauersegler, sauerstofflose Fische im Aquarium, großer Nachtfalter auf der Herrentoilette etc.) Aber heute gibt es wirklich etwas Besonderes. Im (unbenutzten..!) Urinbecher liegt nämlich etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie eine ordinäre Wespe. Natürlich interessiert mich, welche genau es ist – es gibt mehrere Arten in Deutschland – und schnell fällt auf, dass es gar keine staatenbewohnende Frühstücksschinkendiebin ist, sondern eine allein lebende Grabwespe. Und zwar: Der Bienenwolf! Ich erkenne ihn an der hellen Gesichtszeichnung und einem kleinen bräunlichroten Hinterrand am Kopf.

Wie alle Vertreter dieser artenreichen Familie erbeuten Bienenwölfe Insekten, die sie mit einem Stich lähmen und die dann, lebendig und frisch, aber eben vollständig bewegungslos, in unterirdischen Kammern als Nahrungsvorrat für die schlüfenden Larven dienen. Das können je nach Grabwespenart zum Beispiel Heuschrecken, Zikaden (auf Jans Balkon hat kürzlich eine Grabwespe welche in einen Blumentopf eingetragen) oder wie beim Bienenwolf sogar Honigbienen sein. Das finde ich mindestens so faszinierend wie gruselig. Und bis heute hat man noch nicht vollständig verstanden, wie genau das eigentlich funktioniert. Woher weiß die Grabwespe ganz genau, wie sie den lähmenden Stich setzen muss, um das Opfer nicht direkt zu töten und damit, gemeinsam mit ihrer hungernden Brut, dem Verfaulen preiszugeben?

Beim Bienenwolf ist man aber schon ein Stückchen weiter gediehen. Forscher der Uni Würzburg haben nämlich herausgefunden: Bienenwolf-Weibchen kultivieren auf ihren Antennen Streptomyces-Bakterien, und die wiederum produzieren – Antibiotika! Streptomycin wird unter anderem zur Tuberkulosetherapie eingesetzt. Die Bienenwölfin beleckt ihre Opfer und überträgt mit dem Speichel die Bakterien mitsamt ihren keimtötenden Substanzen. Und siehe da, der lebendige Lebensmittelvorrat bleibt frisch...das geht sogar so weit, dass die fettgefressenen Larven vor der Verpuppung etwas von den Bakterienkulturen in ihr Gespinst einweben. Sie werden also von Generation zu Generation vererbt. So ähnlich wie diese Hefeteige, die von einem zum anderen wandern.

Der Fund eines mit Antibiotika arbeitenden Insekts passte also gar nicht mal so schlecht in die Notaufnahme, und Smilla konnte ich die Diagnose verkünden: „Du hast Philanthus triangulum“!

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KW 28 – Der Haltepunkt am Ende des Kreislaufs