KW 28 – Der Haltepunkt am Ende des Kreislaufs
Die Natur ist keine lineare Erzählung. Was möchte ich damit ausdrücken? Ich meine damit, dass nicht alles gerichtet auf einen definierten Endpunkt zuläuft. Natürliche Prozesse haben eher die Eigenschaft, Kreisläufe auszubilden, in dem Sinne, dass das Ende des Kreislaufs wieder an seinen Anfang führt: Auf die Nacht folgt der Tag und auf den Tag die Nacht. Die Ebbe macht nur der nächsten Flut das Feld frei, und diese läuft auf, um an ihrem höchsten Punkt wieder in ihr Gegenteil umzuschlagen. Viele Male jede Minute mündet die Systole unseres Herzens in die Diastole und umgekehrt. Und jedes Kind kann das Lied von „Januar, Februar, März, April...“ bis zu „...und dann, und dann fängt das Ganze schon wieder von vorne an...“ mitsingen. Man denke natürlich auch an den Vogelzug oder an die Siebzehn-Jahres-Zikaden, die so etwas wie der sperrige 5/8-Takt der Naturphänomene – und doch ein Rhythmus! - sind.
Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Natürliche Perioden, ein nicht-lineares Weltbild, ein ewiges Kreisen: Das klingt nach Leben. Und Pulsieren ist es ja auch, was es im Innersten ausmacht. Blei pulsiert schließlich nicht, eine Amöbe schon. Aber was nützt das, sagen wir, der Eintagsfliege? Natürlich steigen jedes Jahr wieder Myriaden von ihnen aus den Flüssen unserer Erde auf. Doch was hat das Individuum davon? Sein Leben hat einen Beginn, und wenige Stunden später findet es bereits ein Ende. Die Eintagsfliege hat sich dann schon fortgepflanzt. Der Kreislauf geht weiter. Aber für die Fliege ist er vorbei, endgültig, für immer und ewig. Ihre Geschichte ist an einen Schlusspunkt gekommen. Kreisläufe sind etwas Abstraktes. Individuuen leben nicht in Kreisläufen. Sie gehen darin auf.
Und das meine ich nicht etwa romantisch. Der Gedanke, eines Tages wieder in einem Kreislauf aufzugehen, kann sehr tröstlich, aber auch sehr traurig sein, denn er ist nicht mit dem Erhalt eines individuellen Daseins verbunden. - Ich glaube, dass ich noch nie so einverstanden mit meiner eigenen Endlichkeit war wie zu der Zeit, als ich auf Trischen Vogelwart sein durfte. Von natürlichen Rhythmen umgeben zu sein, schafft eine Art Sicherheit, die ich in meinem Großstadtleben zu erheblichen Teilen schon wieder verloren habe.
Gestern Abend ist die Hütte auf Trischen abgebrannt. Es stehen nur noch glimmende Holzstümpfe. Gottlob ist der Vogelwart unverletzt davongekommen. Nachdem das klar und damit der erste und größte Schrecken vorüber war, merkte ich, wie sich etwas sehr, sehr Schweres in mir setzte. Ich bin es bis heute Abend noch nicht losgeworden. Natürlich ist das die Trauer.
Dass die Asche dieses von mir so geliebten Ortes in Ebbe und Flut, im Sand der Dünen, in den Strandastern des nächsten Sommers aufgehen wird – das ist irgendwie schön, aber es legt nur einen ganz dünnen Firnis über dieses tiefdunkle Gefühl, etwas für immer und unwiederbringlich verloren zu haben. In seiner Individualität, in seinem Dasein, das genau so war und nun bis in alle Ewigkeit nie wieder sein wird. Die Hütte auf Trischen ist jetzt nur noch eine Erinnerung in meinem Kopf.
Aber sie ist auch die nächste Flut. Sie ist die Salzwiese. Und irgendwie ist sie ein Teil von mir (und vielen anderen!) geworden, den ich weitertragen darf, bis eines Tages auch meine Erzählung zuende geht.