KW 27 – Die Unendlichkeit in einer Kornblume

Blau ist meine Lieblingsfarbe. Ich bin mir völlig bewusst, dass das nicht auch nur einen Hauch Originalität atmet, aber wenn ich mit meinen Kinderpatientinnen und -patienten über Lieblingsfarben und -tiere rede, findet mein „Blau“ regelmäßig deutlich mehr Anklang als mein „Mondfleckiger Blütenspanner“. Also, Blau! Warum eigentlich? Wenn ich darüber nachdenke, was mich an Blau immer wieder mehr fasziniert als an seinem, wie soll ich sagen, uralten Gegenspieler „Rot“, dann ist es wohl das Miteinander aus Transparenz und Tiefe. Blau hat gleichermaßen etwas sehr, sehr Weites, Tiefes (die Unendlichkeit ist schließlich nicht orange oder grün) als auch etwas unendlich Leichtes. Blau ist die Farbe, die vom Licht durchdrungen wird. Wie der Himmel, wie der lichtdurchflutete Ozean: Wo Rot einem flächig entgegenkommt, entfaltet Blau einen Raum, der einen eintauchen lässt. Ich werde gewiss auch noch einmal ein Loblied auf die anderen Farben singen, aber um eine kleine Versöhnung vorwegzunehmen: Ernst Jünger schrieb einmal, seine Lieblingsfarbe sei das Purpur, weil in ihm die jeweils intensivsten Schattierungen zweier Gegensätze ineinanderfallen. Das kann ich auch gut nachvollziehen. Und trotzdem bleibt mein Blick öfter an der blauen Kornblume hängen als am Purpurprachtbarsch. Kann natürlich auch daran liegen, dass die eine bei mir im Balkonkasten wohnt und der andere in Westafrika.

Blaue Lebewesen haben etwas ganz Eigenes. Es ist überhaupt eine Farbe, die in der Natur gar nicht so häufig vorkommt. Wie viele heimische Tiere tragen Blau im Kleid? Da ist natürlich das Blaukehlchen. Was für ein absurd schönes Wesen, wenn es im März auf einer hohen Warte singt und neben seltsamen Knirsch- und Knacklauten ein paar Flötentöne in die halbdunkle Abendluft pfeift! Als Nachtfalterfreund fällt mir dann noch das riesige Blaue Ordensband ein – das habe ich aber noch nie gesehen. Die irisierenden Blaufleckchen auf den Flügeln des Kleinen Fuchses, die Lichtspiele des Schillerfalters. Aber dann wird es auch schon dünn. Zumindest in der Tierwelt.

Denn am Wegrand stehen sie eben, die Kornblumen. Und wenn es Lieblingsfarben gibt, gibt es vielleicht auch Lieblingskontraste. Wie herrlich ist ein goldgelbes Kornfeld, gespickt mit frischen, tiefblauen Kornblumen! Die sind füreinander gemacht.

Und für’s Blau gemacht ist auch der Mondfleckige Blütenspanner, mit dem meine kleinen Patienten im Gegensatz zu meiner Lieblingsfarbe nicht so viel anfangen können. Der frisst als Raupe nämlich (neben viele anderen Pflanzen) gerne an Kornblumen. Der Name des Schmetterlings -  Eupithecia centaureata – verweist auf die Blume: Centaurea cyanus. Wieder ein kleines Stück Unendlichkeit!

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KW 26 - Einfach mal abschalten