KW 25 – Wer glaubt noch an Nymphen?
Ich springe in die Wiese wie andere Leute in den Pool. Auf Hut und Haut brennt noch immer die Sonne der Toskana. Und wenn ich nicht gerade im Schatten der großen Eiche liege und mich literarisch im alten Griechenland umtue, wo ich Daphne, Ino, Selene und Niobe begegne, stehe ich eben bis zu den Hüften im Gras. Und dort begegne ich Daphne, Ino, Selene und Niobe dann tatsächlich!
Mich hat schon immer die Verbindung zwischen Naturgeschichte und Kulturgeschichte faszieniert. Der findige Spruch „Die Kultur ist die Natur des Menschen“ hat etwas für sich. Es ist daher kein Wunder, dass etliche Schmetterlinge nach Gestalten aus der Mythologie benannt sind. Die oben mit wissenschaftlichen Namen aufgezählten Perlmutterfalterarten (in der Reihenfolge ihrer Nennung: Brombeer-Perlmutterfalter, Mädesüß-Perlmutterfalter, Braunfleckiger Perlmutterfalter, Mittlerer Perlmutterfalter) gehören sogar insgesamt zu den Nymphalidae, sind also nach Wald- und Wiesengeistern, den Nymphen, benannt. Und das Wort „Psyche“, das etwas so federleichtes wie unseren Geist in Buchstaben zu bannen sucht, heißt auch nichts anderes als eben: Schmetterling!
Ich stehe also da und schwelge. Da werden schimmernde Bläulinge über die Wiese geweht wie kleine, von einem Michelangelo-Fresko herabgefallene Himmelsstückchen; am Klee saugt der Kleine Sonnenröschen-Bläuling und faltet seine orangeroten Halbmöndchen auf braunblauem Grund dem Licht entgegen; da saust in herrischem Schwung der Kaisermantel hoch über mich hinweg, da sirren Mattscheckiger, Schwarz- und Braunkolbiger Braundickkopffalter um meine Beine, und wenn ich mich endlich wieder in die Liege begebe, grüßt mich von der Hauswand, sachte mit den Flügeln klappend, der freundliche Mauerfuchs. Überall aber flattert der Schachbrettfalter herum, Melanargia galathea (wieder eine Nymphe!).
Kurzum, ich bin im Paradies. Die Natur scheint mir hier so wahnsinnig reichhaltig! In Hamburg kann ich mich kaum halten, wenn mal ein Faulbaumbläuling am Balkon vorbeiflattert. Und im Gespräch mit Jan fällt mir dann etwas auf. Das Arten-Portfolio, das mich hier so sehr entzückt, ist eigentlich gar nichts Außgergewöhnliches. Oder vielmehr: Sollte es nicht sein.
Das Schachbrett und der Kaisermantel, der Mauerfuchs und die verschiedenen Dickkopffalter, auch viele Bläulingsarten sind eigentlich keine exquisiten Seltenheiten. Für sie braucht es nicht viel mehr als ein paar blumenreiche, pestizidverschonte Wiesen und lichte Waldränder. Warum bin ich also so schwer begeistert? Natürlich sind das wunderschöne Wesen. Ich habe sie aber einfach viel zu lange nicht gesehen, denn sie sind aus unserer Landschaft zu weiten Teilen längst verschwunden. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Die Bestände des Mauerfuchs sind in Großbritannien über die letzten fünf Jahrzehnte um mehr als 90% (!) eingebrochen. Kein freundliches Flügelklappen von der Hauswand mehr.
Vielleicht tragen diese zarten Wesen ihren Namen also nicht ohne tieferen Grund. Vielleicht glaubt bald nicht nur niemand mehr an Daphne, Ino, Selene und Niobe, die waldbewohnenden Nymphen ferner Zeiten. Nein, vielleicht erleiden Brenthis daphne, Brenthis ino, Boloria selene, Fabriciana niobe und Melanargia galathea das gleiche Schicksal. Wer glaubt schon noch an Nymphalidae?