KW 24 – (M)ein Platz an der Sonne

Ich bin im Urlaub. Ich bin im Süden. Endlich! Als ich nach langem, langem Ritt über die Alpen und fast ebenso langem, tiefem, erfrischendem Schlaf endlich das erste Mal die Sonnenterasse beziehen will, ist mein Platz bereits besetzt. Typisch!

Allerdings liegen dort keine Handtücher, und auch keine Frühaufsteher-Touris in besockten Sportsandalen. Oh nein. Da liegen ein paar echte italienische Schönheiten! Ich mache mich schmal und trippel auf Zehenspitzen ganz, ganz zurückhaltend dazwischen. Gleich zwei von ihnen fixieren mich mit einem starren Blick. Und der sagt blinzellos und völlig unmissverständlich: Komm. Uns. Nicht. Zu. Nahe. -  Okay, okay. Keine Sorge. Niemals würde ich einer Mauereidechse etwas tun!

Ich wohne nämlich nicht ganz alleine hier. Mein Häuschen ist eigentlich nur ein kleiner Steinhaufen in der Toskana, der wahrscheinlich einmal als Bauernhof gedient hat, als solche kleinen Farmen noch genug Ertrag gebracht haben. Die meisten würden wohl sagen, dass hier drumherum „nichts“ ist, vielleicht sogar, dass man hier „nichts“ „machen“ kann. Weit gefehlt. Ich bin schwer beschäftigt (Nachtfalter fangen, Orpheusgrasmücke suchen, zwanzig Kilo Bücher) und, wie gesagt, ich habe Gesellschaft. An der Südwand des Hauses lebt eine Kolonie Mauereidechsen – wer weiß, wie lange schon? Das Haus ist sicherlich über hundert Jahre alt. Mauereidechsen sind Kulturfolger, sie nutzen gerne freie Flächen an Bahnhängen, Burgen und eben solchen Höfen. Wahrscheinlich sind sie also bereits mit den ersten Besitzern eingezogen. Als eine halbwilde Katze eine der Eidechsen über die Schwelle in die Küche scheucht, bin ich gezwungen, die Tür aufzulassen, damit sie wieder hinausfinden kann. Seitdem gehen die kleinen Dinos bei mir ein und aus. Ich weiß nie, ob über Nacht eine drinnen geblieben ist und stelle daher einen kleinen flachen Teller mit Wasser in die Ecke. Wir teilen uns also nicht nur den Liegeplatz in der Sonne.

Sie sind wirklich wunderschön – und jede sieht anders aus. Manche ziert ein dunkles Netzmuster, das sie fast wie einen Leopardgecko wirken lässt, andere sind ganz hell und fast ungemustert. Und dann gibt es noch einen dicken, alten, quietschgrünen Drachen, der nur ein- zweimal am Tag unter dem Dachfirst hervorlugt und wahrscheinlich der Chef der Truppe ist. Ich nenne ihn Glaurung, nach dem Vater aller Drachen aus Tolkiens „Herr der Ringe“.

So verbringen wir den Tag in der Sonne. Am nächsten Morgen leere ich die Nachtfalterfalle. Was finde ich? Eine Mauereidechse, mittendrin im Schmetterlingsgetümmel. Sie ist in ihrer Gier den Faltern in den Trichter gefolgt und mit dem dicken Wanst nicht mehr herausgekommen. Als ich sie kurz in der Hand halte, bevor sie raschelnd im Gras verschwindet, bewundere ich die hellblauen Schuppen an der Bauchseite und den Kopf, der einfach verdammt nochmal aussieht wie von einem Dino. Es braucht gar keine Fantasiedrachen aus Büchern! Es gibt sie wirklich!

Jetzt, da ich schreibe, donnern draußen die ersten Nachtfalter an die Scheibe. Die Orpheusgrasmücke hält mich zum Narren, ich höre sie den gesamten Tag und habe sie noch immer nicht gesehen...und noch mindestens 15 Kilogramm Bücher zu lesen. Auf einem Platz an der Sonne, der gewiss nicht einem dahergergefahrenen deutschen Touri gehört, sondern jemand viel, viel älterem. 

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KW 23 - Das Gewitter segeln