KW 23 - Das Gewitter segeln

Was ist das? Zwei riesenhafte Kugelaugen, ein monströses Maul hinter einem winzigen Schnabel, ein Haufen Federn, jagt mit 100 km/h durch die Luft über der Stadt? Klar – der Mauersegler! Apus apus, also „der fußlose Fußlose“ (übrigens im Latein ähnlich originell wie der Zaunkönig Troglodytes troglodytes, der „höhlenbewohnende Höhlenbewohner“) ist spätestens Ende Mai zurück und macht gleich mit einer ganzen langen Kette von Artgenossen den Himmel über der Stadt unsicher. In Hamburg ist heute Nachmittag ein schweres Unwetter niedergegangen. Danach herrscht für eine Weile fast Stille. Nur von den saftigen Blättern der Linden platschen die Tropfen auf den schwarz glänzenden Asphalt, der nach Sommer riecht...und dann geht es mit doppeltem Elan ans Balzen, Spielen, Jagen. In der immer noch feuchtigkeitsschwangeren Abendluft klingen die srrriiiiii-Schreie der Vögel jetzt doppelt so intensiv; die winzigen Tröpfchen scheinen den Schall weiter zu tragen. Auch die Amsel macht sich das zunutze und singt ein paar besonders hübsch modulierte Abendstrophen.. Aber wo nur waren die Vögel während des Gewitters, im schweren Platzregen? Ich weiß es nicht. Gerade bricht die kurze Zeit im Jahr an, in der die Segler auf ihren verkümmerten Stummelfüßchen Platz in einer Mauerspalte suchen, um Junge aufzuziehen. Waren sie dort, irgendwo an einem der hohen Gebäude, die ihnen als Gebirgsersatz dienen? Oder sind sie noch viel höher geflogen, über das Gewitter hinaus – immerhin gibt es kaum ein Lebewesen, dass sich so der der Kunst des Fluges verschrieben hat wie diese Art? Ob Nahrungsaufnahme oder Balz, Paarung oder sogar Schlaf – der Mauersegler macht es im Flug (nur ein Ei kann er noch nicht in die Luft legen). Und dabei sehen sie mit ihrer in wilder Fahrt dahinrasenden Sichelschnittsilhoutten aus wie eine Gang aufgetunter Schwalben. So ziehen meine Gedanken mit den Bahnen der Vögel weit dort oben. Ehe ich mich versehe, ist es dunkel. Und das erklärt auch den letzten mir sichtbaren, trunken-zittrigen Segler: Der war nämlich eine Fledermaus. Gute Nacht!

Und wer weiß, vielleicht sind sie auch einfach kurz von Hamburg nach Lübeck geflogen. Für einen Mauersegler als Tagesausflug kein Problem. Dort jedenfalls konnte Jan sie nicht nur fotografieren, sondern auch ihre Rufe über den Dächern der Altstadt einfangen:

Mauersegler über der Lübecker Altstadt
 
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KW 22 - Schwalben