KW 22 - Schwalben
Schwalben, die an einem Sommerabend tief über dem dunklen Spiegel eines Sees fliegen und trinken: Das ist eine meiner liebsten Stimmungen überhaupt. Vielleicht erscheint das ein bisschen verkopft, aber manchmal denke ich gerne darüber nach, warum genau mich eigentlich bestimmte Eindrücke berühren. Dabei ist mein Lohn ein Mehr an Tiefe, keine rationalistische Verflachung. In diesem Fall fasziniert mich das Widerspiel zwischen der ruhigen, dunklen, aber ganz klaren Fläche und dem lebendigen Schwung der Schwalben. Hier die kühle Glätte, die Stille und Transparenz, dort die fließende Dynamik und das vielhundertfach in der Minute pochende Herz eines warmen, wirbelnden Lebens. Und wenn eine Schwalbe den Flügel dippt, berühren sich das Eine und das Andere, für einen ganz kurzen Augenblick.
Könnte das nicht ein Bild für etwas viel Größeres sein? Ich kann gut verstehen, wenn man solchen Gedankenflügen nicht folgen kann oder mag und lieber einfach mit einem tiefen Seufzer den schönen Sommerabend genießt. Umso mehr freue ich mich aber, dass es doch die einen oder anderen Geschwister im Geiste gibt. Als Jan mir das Foto zeigte, musste ich nämlich an ein Gedicht denken, das ich 2008 das erste Mal gelesen habe. Ich möchte es euch nicht vorenthalten:
Schwalben
Als müßiger Naturbetrachter
Vergessend, was mich rings umgibt,
lieb ich, der Schwalbe Flug zu folgen,
am Teich, der bald im Dunkeln liegt.
Sie jagt dahin in jähem Fluge –
Der fremde Spiegel wird doch nicht
Die einem Blitz verwandte Schwinge
Verletzen, dass sie plötzlich bricht?
Und wieder dieses dunkle Gleiten –
Ist dieser Flug, so rasch und kühn,
nicht der Begeistrung zu vergleichen,
die uns erhebt, in der wir glühn?
Dring nicht auch ich in meinem Streben
In streng verbotne Welten ein,
dass mir zuteil ein Tropfen werde,
von fremdem, jenseitigem Sein?
Afanassij Fet, 1884 (ich konnte leider nicht herausfinden, wer es übersetzt hat!)