KW 21 - Freudenschnäpper
Im Garten meiner Eltern steht eine Baum, der mit mir gewachsen ist. Ich war noch ziemlich klein, als unser Haus gebaut und der Garten am Waldrand angelegt wurde. Genau wie die Kastanie, die damals gepflanzt wurde. Was soll ich sagen? Jetzt sind wir beide groß. Die Kastanie hat sich entfaltet, eine ernstzunehmende Krone spendet Schatten und der Stamm wird sicher nicht vom nächsten Sturm umgepustet. Vielleicht spiegeln wir uns ein bisschen, zumal die Kastanie der Baum der im Mai geborenen Kinder ist.
Die Kastanie ist aus unserem Wintergarten heraus gut zu sehen, eine kleine Bank steht davor, und am Stamm hängt ein hölzernes Vogelhäuschen. Meine Eltern machen immer wieder interessante Beobachtungen. Jeden Sommer, erzählen sie mir, wird der Baum von der Kastanienminiermotte befallen. Die Blätter zeichnet dann ein spiralförmiges, helles Muster, das von den in schmalen Gängen fressenden Raupen hervorgerufen wird. Interessanterweise haben die Blaumeisen gelernt, dass hinter jedem dieser kleinen Pfade ein Snack wartet und picken deren Bewohner fleißig heraus. Kastanie – Kastanienminiermotte – Blaumeise. Man könnte ans Ende dieser Mini(er)-Nahrungskette sogar noch den Sperber setzen, der ab und zu in den frühen Morgenstunden auftaucht...
Aber es gibt noch einen Gast, der inzwischen fast jährlich pünktlich zu meinem Geburtstag eintrifft, das Vogelhäuschen bezieht und mir sogar ein, wie es im Lehrbuch heißt, „volksliedhaftes“ Ständchen bringt. Der Trauerschnäpper! Wir sind ziemlich stolz darauf, diesen gar nicht mal so häufigen, schönen Vogel bei uns begrüßen zu dürfen. Und sein Name will so gar nicht zu dem passen, was er in mir auslöst: Freude! Nicht nur darüber, dass er sicher angekommen ist (Langstreckenzieher!) und der naturnahe Garten seine Wirkung tut. Sondern Freude und Dankbarkeit darüber, dass ich dies erleben darf: Das Wachsen einer Kastanie. Das reiche Leben um mich herum. Die Ankunft eines gern gesehenen Gastes. Man kann sich nicht oft genug klarmachen, was es, neben all dem, was einen quält, Gutes auf der Welt gibt. Danke für den jährlichen Reminder, kleiner Mann im schwarzweißen Anzug!