KW 18 - Fabelwesen
Ich erinnere mich an mittäglich gleißende Sommerhitze, an Dünentäler, schwer vom Duft der Heckenrosen; das Rascheln der Füße im vertrocknenden Gras. An Vorzeltgeruch im Wohnwagen, blaues Schlumpfeis und das Gefühl von feinstem, weißen Sand in Schuhen und Taschen: Ich war sechs oder sieben, wir waren im Sommerurlaub in Dänemark, auf irgendeinem der vielen Campingplätze der Westküste. Unter uns spielenden Kindern gab es eine Erzählung, die uns alle schaudern ließ, aber auch faszinierte: Hier gibt es Kreuzottern! Natürlich wusste immer irgendjemand von irgendjemandem, der gebissen und sofort gestorben war. Das war natürlich Humbug. Ich habe in all der Zeit nicht nur keine Kreuzotter gesehen (obwohl gesucht, und obwohl es sie dort sicherlich gab!), sondern nicht einmal jemanden, der selbst eine gesehen hatte. Sie blieb ein – von mir heiß begehrtes – Fabelwesen.
Anderes Szenario: Mal wieder Hochsommer, aber diesmal Notaufnahme, Rettungswagen, Hektik, denn: Schlangenbiss! Diesmal tatsächlich. Die Eltern versichern: Das war eine Hornviper! Sie haben das Tier genau gesehen und nachgeschlagen. In der Hektik und Sorge um ihr Kind haben sie allerdings nicht genau gelesen (und nicht mit einem zoologisch interessierten Kinderarzt gerechnet) und übersehen, dass die nördliche Verbreitungsgrenze der Art irgendwo tief in Österreich liegt. Hier hatte also wirklich jemand eine Begegnung mit einer Kreuzotter gehabt. In diesem Fall hieß es nun für die „Hornviper“: Fabelwesen! Für das Kind ist übrigens alles gut ausgegangen.
Ich begleite Jan beim Kartieren in einem schleswig-holsteinischen Moor. Vertrete mir etwas abseits die Beine, habe mich gerade über das erste Blaukehlchen des Jahres gefreut. Als ich einen Schritt vorwärts mache, wird dessen Gesang aber unvermittelt durch ein ganz anderes Geräusch unterbrochen: Zssssssccccchhhh....!
Und da ist sie. Dick wie ein Unterarm, so rußigschwarz, dass das namensgebende Muster kaum zu erkennnen ist (die von Jan fotografierte ist viel heller!), aber mit dem charakteristischen breiten Kopf. Eine Kreuzotter. Und was für eine! Wir starren uns eine Weile an, dann trete ich den Rückzug an. Die Otter genießt weiter die ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres. Und ich kann endlich das „Fabel“ vor dem Wesen streichen.
Aber es gibt noch so viel mehr. Tiere, die mich irgendwie immer schon faszinieren, mir aber noch nie begegnet sind: Totenkopfschwärmer, Harpyie, Blauwal, Bullenhai. Fabelwesen oder nicht? Und welche sind eure? Welches Tier steht auf der „Möchte-ich-einmal-sehen-Wunschliste“ ganz oben?