KW 19 - Sclerochronologie
Nicht besonders häufig, aber doch immer wieder einmal findet der Strandläufer eine besonders große, dickschalige Muschel: Arctica islandica, die Islandmuschel. Wer sich wundert und das auf den Sand geworfene Stück runden Kalks aufliest, hält in seiner Handfläche ein Stück komprimierte Vergangenheit. Denn jede der feinen Rillen auf der Oberfläche steht für ein Jahr des Wachstums. Für ein Jahr in der Tiefe der See. Für ein Jahr Stille und Dunkel. Für ein Jahr tastende Knurrhahnflossen, und für viele tausend Liter gefilterter Nordsee. Wer nachzählt wird feststellen, dass viele der Muscheln älter geworden sind als ihr Finder selbst. Die beiden ältesten bisher gefundenen Exemplare brachten buchstäblich 507 Jahre auf den Buckel! Muster und Breite der Ringe verraten Wissenschaftlern etwas über die Klimabedingungen zur Zeit des Wachstums, ganz ähnlich wie bei den Jahresringen der Bäume, und ein paar findige Leute kamen schließlich auf die Idee, Muscheln unterschiedlichen Alters aneinanderzureihen. Eine mag 1954 gestorben sein, eine 1902, eine weitere 1889 und so fort - auf diese Weise lassen sich sogenannte Sclerochronologien erstellen, die über viele hundert oder gar tausend Jahre klimatischer, physikalischer und chemischer Umweltbedingungen Auskunft geben. Doch gar nicht so still also, und doch nicht nur ein Stück Kalk!
Man stelle sich vor, das ginge auch bei uns Menschen. Tatsächlich kann man zum Beispiel an den Fingernägeln erkennen, wann jemand Chemotherapie bekommen hat, da – ähnlich wie bei den Muscheln in einem schlechten Jahr – ein Wachstumsstopp eintritt. Und von zweitausend Jahre alten Skeletten können Anthropologinnen heute mitunter intimere Dinge erfahren als von ihren Nachbarn. Oder ist die menschliche Entsprechung zu den Ringen der Islandmuscheln doch eher die Anzahl der Falten auf der Stirn? Gutes Jahr, schlechtes Jahr? Wenn man diese nun aneinanderreihte mit denen von Mutter, Großmutter, Urgroßmutter... vielleicht ist es doch besser, dass wir eine vergänglichere Hülle haben als die Islandmuscheln. Und dass WIR unser Skelett innen tragen!