KW 17 - Ein Birkenbild

Jan und ich haben eine Art digitale Fotobox, in die er immer mal wieder etwas hineinlegt. Das folgt nicht unbedingt einem festen Plan; wir hatten uns ja vorgenommen, diesen Kalender eher „en passant“, also mit Fotos und Gedanken, die eben anfallen, zu gestalten. Über manche der Bilder sprechen und diskutieren wir viel, andere harren still ihrer Entdeckung durch uns selbst. Und manche sind noch mehr als das. Sie sind auf eine gewisse Art ewig.

Nicht etwa, weil wir so tolle Künstler sind. Sondern, weil sie schon immer in der Welt stehen. Weil sie gesehen werden. Und weil sich immer wieder Menschen entscheiden, sie abzubilden. Da gibt es Bilder, die ikonisch sind und uns von tausend Postkarten entgegenblicken: Mit der Flosse winkender lustiger Seehund, Möwe auf Pfahl, lachender Delphin, Giraffengruppe vor Serengetisonnenuntergang.

Andere Bilder sind viel stiller, intimer. Vielleicht „bedeuten“ sie nicht einmal etwas. Aber jemand trifft die Entscheidung: Dies ist es wert, festgehalten zu werden. Vielleicht, damit auch andere es sehen. Vielleicht nur, um selbst darüber zu meditieren. Wie vor über 120 Jahren Gustav Klimt hat auch Jan sich entschieden, diesen Birkenwald abzubilden. Ich liebe das Bild (bewusst: Einzahl!) und darf mich deshalb ein bisschen zu den beiden stellen, während ich mich frage, was genau daran mich eigentlich so sehr fasziniert. Ich weiß übrigens auch nicht, ob Jan überhaupt von Klimts Bild Kenntnis hatte, und ob er wohl staunen wird, wenn ich ihm diesen Text gleich für das neue Kalenderblatt zuschicke.

Ist es nicht schön, dass über die Spanne vieler Jahrzehnte, wahrscheinlich vieler Jahrhunderte oder sogar noch mehr immer wieder Menschenaugen über ein Stück Natur gehen, plötzlich in Verbindung treten und darüber Zeugnis ablegen? Ich finde den Gedanken wundervoll, dass schon vor tausend Jahren jemand sich genau so sehr über einen tirilierenden Vogel, eine zarte Blüte oder einen bunten Käfer gefreut haben kann wie ich.

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