KW 15 - Amselsongs

Gerade melancholisiere ich ein wenig vor mich hin. Nicht voll tiefer Sorgen, eher im Sinne von Victor Hugos „Vergnügen, traurig zu sein.“ Das hat also weniger mit depressiver Verstimmung zu tun als mit einem Glas Rotwein und herrlich verzweifelter Musik. Heute begleitet mich Maria Elena Sandoval durch den Abend, die das Spektrum von „milde verstimmt“ bis „zu Tode verzweifelt“ in Perfektion beherrscht. Aber irgendwie auch nur das.. Doch sie ist nicht ganz alleine. Denn draußen vor dem Fenster singt noch jemand. Eine Amsel. Und wenn die Sandoval schweigt, ist sie über meine ganze kleine Straße zu hören. Mir fällt dabei etwas auf. Der Amselgesang hat etwas ambi- oder eigentlich sogar etwas multivalentes; er ist nicht eindeutig, und er übertrifft das Spektrum der mexikanischen Diva erheblich.

Ich habe Amsellieder schon in so vielen verschiedenen Situationen gehört. Als ich vor vielen Jahren im Sonnenaufgang nach der Abi-Party nachhause ging. Es hing Morgenstimmung in der Luft, der ganze vor mir liegende Lebens-Tag schlummerte in diesem Lied. Einige Jahre später sang mir abends vor einer langen Reise in Münster-Gievenbeck eine Amsel ein langes Abschiedslied. Wieder eine andere Erinnerung: Ich liege sehr früh morgens wach im Bett, weiß, dass ich bald gehen muss, und bin ganz, ganz still: Die erste Brise des aufziehenden Tages trägt durchs offene Fenster das Lied einer Amsel herein, ganz verhalten noch. Sie singt das Liebeslied, das ich nur flüstern kann, da ich seinen Gegenstand nicht wecken will. Frische Morgenstimmung und aufgeschobener Abschied, stille Verliebtheit und lustvolle Melancholie – beherrscht die Amsel es, alle Spielarten unserer Gefühle in Laute zu fassen, oder legen wir sie hinein? Und welche Nuance genau betört eigentlich welches Amselweibchen?

In jedem Fall sind die Amseln loyale Begleiter. Denn ich konstatiere: Die studentischen, romantischen, freundschaftlichen und vor allem auch die einsamen Abenteuer meines Lebens wurden weitaus weniger von Klappergrasmücken und Gelbsteißbülbüls begleitet als eben von dieser grandiosen, treuen Sängerin.

Maria Sandoval schweigt inzwischen. Auch die Amsel hat ihre letzten Töne in die Abendluft gepfiffen. Und jetzt ist es an mir: Ich singe das Loblied der Amsel!

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KW 14 - Nachdenkliche Eiersuche