KW 14 - Nachdenkliche Eiersuche

Ich frage mich, wie viele Schokoladeneier gerade in Deutschlands Supermarktregalen stehen. Ich meine das nicht rhetorisch, es geht mir um die tatsächliche Anzahl. Wie viele Millionen mögen es sein? Als ich heute im Supermarkt vor einigen Paletten stand, begann irgendetwas in mir die vielleicht 100 x 100 x 100 Eier dort ins Verhältnis zu setzen zu denen echter Vögel, die mir zu sehen schon vergönnt war. Klar, ein Vogelei ist eigentlich nichts, das man sehen sollte. Es gehört gut geschützt ins Nest oder unter Vogelmutters Dunen. Bei Kartierungsarbeiten, wie Jan sie regelmäßig leistet oder ich sie zeitweise auf Trischen durchführen durfte, ist der kurze, berührende Moment manchmal aber doch da. Nicht aus unbedachter Neugier, sondern aus zurückhaltender Notwendigkeit. Und man darf, oft nur für den Augenblick ganz vorsichtigen Vorbeischreitens, wahrnehmen, dass in der unter rätselhaft-hieroglyphischen Zeichen, in hauchdünner Kalkschale geborgenen Dottermasse etwas Form annimmt, das eines Tages als laut rufender Kiebitz eine unglaubliche Präsenz entfaltet: mit rauschenden Schwingen und in der klaren Märzluft schimmernd wie ein vulkanischer Olivin.

Aber zurück zur Situation: Wie viele Kiebitzeier habe ich in meinem Leben schon gesehen? Sie reichen zahlenmäßig nicht annähernd an den Inhalt der Paletten auch nur in diesem einen Supermarkt heran. – Meine Oma hat nie so richtig verstehen können, warum wir Kiebitze schützen. Für sie war das ein Allerweltsvogel. Die Äcker waren um Ostern oft voll mit ihren Eiern, man konnte sie einfach absammeln. Palettenweise. Das gibt es so schon lange nicht mehr, die Wiesenvogelbestände schrumpfen seit Jahrzehnten nahezu ungebremst, übrigens nicht primär durch Omas, sondern durch unsere Art der Landnutzung.

Ich fürchte also, ich werde meinen Enkeln nur noch von Schokoeiern erzählen können. Aber ist ein Ei, aus dem gar nichts schlüpfen kann, überhaupt noch ein Ei? Es bleiben Millionen leere Formen.

Das Foto des Kiebitznests entstand im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen.

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KW 13 - Nicht den Kopf in den Sand stecken