KW 11 - Ablenkung
Geht es euch auch so? Ständig wird man abgelenkt. Ich möchte natürlich unbedingt fleißig meiner Arbeit nachgehen. Aber was kann ich dafür, wenn mein Kollege gerade jetzt frischen Kaffee mitbringt und plaudern möchte? Natürlich! Ich würde sehr gerne heute noch die Steuererklärung abgeben. Aber ach! Leider muss ich wohl noch einmal nachschauen, ob die Kohlmeisen den Kasten vor dem Balkon inspizieren. Das kann selbstverständlich etwas dauern. Und der neunhundertdreiundsiebzigste Kontrollblick wird schon nicht schaden, zumindest nicht dem Wohlstand der beiden frischgebackenen Immobilienbesitzer da draußen. Und ja, selbstverständlich hätte dieser Text schon gestern fertig sein sollen. Aber…hm…ich musste ja schon auch noch diese Spinne bestimmen, die ich gestern in der Küche gefangen hatte…
Manchmal fühle ich mich so wie der Hase auf dem Bild. Die Pupillen riesengroß, die Schnurrbarthaare weit gespannt; bereit, auf jeden Reiz SOFORT zu reagieren. Insbesondere wenn, jetzt der Frühling in der Luft liegt! Da geht es mir wie Meister Lampe. Dieser Tage gibt es so viel da draußen, das sich zwar eigentlich ganz ohne mein Zutun von selbst voran bringt, aber wenigstens (dringend?) von mir beobachtet werden sollte, finde ich.
In einem Buch, das Jan mir geschenkt hat, fand ich allerdings vor einer Weile (als ich schön eingemuckelt vor mich hin las, anstatt an einem Fachartikel zu schreiben) einen etwas beunruhigenden Abschnitt. Da geht es um den berühmten Zoologen und Entdecker Georg Wilhelm Steller:
„Daniel sagte, Steller hätte ein herausragender Arzt sein können. […] wenn er aufgebrochen war, um Medizin zu holen, habe er so selbstvergessen alle Pflanzen, Insekten und Pilze auf dem Weg kategorisiert, dass ihn bei seiner Rückkehr ein bereits erkalteter Leichnam und weinende Angehörige erwarteten.“*
Hm! Ob ich die Kohlmeisenvisiten vielleicht lieber etwas reduzieren sollte?
*Iida Turpeinen, Das Wesen des Lebens, S. Fischer 2024