KW 8 - Kälte, Wärme, Hoffnung

Seit Anfang Februar muss ich bei der Arbeit jeden Morgen gleich nach der Frühbesprechung etwa fünfhundert Meter zu einem anderen Gebäude auf die Wöchnerinnenstation laufen. Die letzten drei Wochen hat es dabei häufig ein wenig geschneit; außerdem ist es auch jetzt noch so schneidend kalt, dass ich als erstes einmal meine eigenen Hände unter die Wärmelampe für die Neugeborenen legen muss, wenn ich angekommen bin. Trotz der morgendlichen Zitterpartie – irgendwie genieße ich die klare Winterluft sehr. Aber seit Anfang der Woche hat sich etwas geändert: Da singt jemand! Der erste, der mir dieses Jahr auffiel, war ein Kernbeißer, der sein elektrisches „Zicks..ziihh!“ aus einem noch ganz kahlen Baum erklingen ließ und mich seitdem jeden Tag erfreut. „Moin, Herr Kollege!“ Jan schrieb mir gestern, er habe den ersten Buchfink gehört, und kurz nach dieser Nachricht klingelte mir nicht das Handy, sondern die erste Heckenbraunelle im Ohr.

Ist es nicht tröstlich, jedes Jahr aufs Neue zu sehen und zu hören, dass das Leben sich auch unter dicken Eisschichten hält? Es springt einfach wieder an, wenn die Tage nur ein klein wenig länger werden. Ganz stumm ist unser Frühling noch nicht. Und auch im längsten Winter gibt es Hoffnungsboten. Stieglitze, Erlenzeisige und andere Finken weigern sich schlichtweg, ihre harlekineske Tracht abzulegen. Sie erinnern daran, auch in eisigster Kälte: Der Frühling wird kommen. Das ist gewiss. Und es fühlt sich gut an, genau diesen Gedanken in mir zu tragen, wenn schließlich nicht mehr nur meine eigene Hand, sondern tatsächlich das erste Neugeborene aus der letzten Nacht mit unter der Wärmelampe liegt.

Lasst euch nicht entmutigen!

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KW 9 - Schon wieder zu spät dran...!

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KW 7 - The Dreadnought